Ein Hierbas: Labsal und „Medizin“

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Nach einem gepflegten Abendessen höre ich den Ober gerne fragen: „Und wie wär’s mit einem Hierbas vom Haus?“ Ich nicke in freudiger Erwartung und ernte von nicht ganz so einheimischen Kunden oder Bekannten fragende Blicke. Hierbas, was ist das denn? Ich antworte dann diplomatisch, dass drei pro Abend reichen: einer als Prophylaxe gegen Halsweh, einer gegen künftige Grippewellen und … „das dritte mögliche Zipperlein kannste dir selber ausdenken.“ So sage ich und schmunzle. Aber, Scherz mal beiseite: Der Hierbas, der nur auf Mallorca hergestellte Kräuterschnaps, ist eine feine Sache. Und jede Familie dieser Insel hat da ihr eigenes Rezept, weswegen Mengenangaben sinnlos sind.

Meines ist von meinem Freund Pedro, der auf dem Land von Manacor eine Finca hat. Ende Mai, Anfang Juni, ja, da ist die Zeit gekommen, wo die Mallorquiner gesenkten Hauptes ihre eigenen Felder oder nahe gelegene Wegesränder förmlich abgrasen, um die für die Produktion nötigen Kräuter zu finden. Und die muss man schon kennen.

Ich habe mich mittlerweile zur Drei-Sterne-Köchin gemausert, was unsere hauseigene Hierbas-Produktion angeht, bin aber immer noch unsicher beim Abgrasen der Weide, was die manchmal recht ähnlich aussenden Blätter der Kräuter betrifft. Jedenfalls kommen Blätter vom Orangen- und Zitronenbaum sowie ein Stück der Frucht in eine – möglichst große – Flasche, aber auch Kirschen, ein paar Kaffeebohnen, „hierba buena“ und „hierba luisa“, Rosmarin, ein Blatt vom Olivenbaum und natürlich jede Menge Anisstrünke. Eine Rosenknospe sollte für das richtige spätere Aroma nicht fehlen – darauf schwört jedenfalls meine Nachbarin und Freundin Maria.

Nach erfolgreicher Odyssee durch den Garten geht es diskutierend darum, die richtige Mischung für den Schnaps zu finden. Aufgefüllt werden die Kräuter mit Anisschnaps, den es in süßer, aber auch in trockener Form gibt. Wird nur der süße aufgefüllt, entsteht ein „hierbas dulce“, beim trockenen ein „hierbas seca“. Gemischt, heißt er mezclada. Wie sonst.

Dann heißt es, Geduld zu bewahren, denn zumindest mein Kumpel Pedro lässt die Kräuter inmitten des Schnapses dann bis Ende Oktober ziehen. Danach ist der Hierbas reif. Aber, was soll’s: Bis dahin gibt es im Restaurant ja den einen oder anderen – vom Haus.

Andrea Hunkemöller
Autor & Fotos:
Andrea Hunkemöller

Andrea Hunkemöller, Jahrgang 1961, ist leidenschaftliche “3 Sterne Köchin”. Sie lebt seit 2008 in Manacor (Mallorca).

Ihr journalistischer Werdegang begann 1984 mit einem Praktikum bei der “Westfälischen Rundschau” in Dortmund, gefolgt von ihrer Tätigkeit als “freie Journalistin” bis 2008. Von 2006 bis 2008 war Andrea Hunkemöller zugleich Herausgeberin eines eigenen Magazin.

Seit 2008 arbeitet sie nun auf Mallorca als freie Journalistin und ist ebenfalls Inhaberin des “Huba-Fincaservice” in Manacor.

Beitrag aktualisiert am 29.04.2014 | 18:08