Auf Mallorca werden Entfernungen mit einer gehörigen Portion Subjektivität gemessen. Wer auf der Insel lebt oder häufiger zu Besuch ist, weiß: Die Distanz von A nach B wird nicht in nüchternen Kilometern gerechnet, sondern anhand der Lust, sich überhaupt auf den Weg zu machen – und mit einer Reihe bildhafter, teils humorvoller Begriffe versehen.
Die Skala beginnt harmlos: „a prop“ bezeichnet alles, was tatsächlich nah ist – ein Kilometer etwa, den niemand in Frage stellt. Steigt die Distanz, wächst die Zurückhaltung. „Enfora“ (bei etwa zehn Kilometern) ist nicht mehr „um die Ecke“, sondern bereits ein Warnsignal für Unernehmenslustige. Nach zwanzig Kilometern sprechen Mallorquiner von „molt enfora“: Hier wird abgewogen, ob sich die Fahrt wirklich lohnt oder zu aufwändig erscheint – besonders, wenn sie nicht mit etwas Angenehmem verbunden ist.
Erreicht die Strecke dann die Marke von etwa 35 Kilometern, folgt der prägnante Ausdruck „a ca una puta“. Diese umgangssprachliche Redewendung bringt es auf den Punkt: Das Ziel erscheint „am Ende der Welt“, auch wenn das Navi etwas anderes behauptet. Wer diesen Ausdruck benutzt, signalisiert, dass man zu einem solchen Anlass bereits Überzeugungsarbeit leisten muss.
Besonderes Gewicht bekommt die Unternehmung mit dem Griff zur Autobahn: Dann ist es für viele kein Ausflug mehr, sondern eine echte Reise – ein Synonym für Zeitaufwand, Organisation und den berühmten inneren Schweinehund. So werden Entscheidungen auf der Insel eben nicht nur anhand nüchterner Distanzen, sondern vor allem nach persönlichem Befinden getroffen.
Die mallorquinische Messlatte für Entfernungen ist somit weniger eine Frage der Topografie, sondern des Alltagsgefühls – und spiegelt eine charmante, fein beobachtete Alltagserfahrung wider, die vielen Bewohnern und Kennern der Insel ein Lächeln entlockt.
Quelle: Agenturen





